Sicherheit und Datenschutz

Schlüssel gegen Vorauszahlung per Post: der Klassiker unter den Maschen

Die Geschichte ist immer dieselbe, und sie ist gut erzählt. Hier steht, wie sie abläuft, wo sie bricht und wie eine echte Schlüsselübergabe aussieht.

Von Christian Gottschling, Immobilienmakler in Essen · Aktualisiert am 27.09.2026

Der Vermieter ist umgezogen. Nach Dublin, nach Oslo, nach Manchester — die Stadt wechselt, die Geschichte nicht. Er hat die Wohnung geerbt oder beruflich zurückgelassen. Vermieten möchte er trotzdem, am liebsten an jemanden, der sie wirklich braucht.

Eine Besichtigung geht leider nicht. Aber er hat eine Lösung: Ein Dienstleister schickt dir die Schlüssel. Du schaust dir die Wohnung in Ruhe an. Gefällt sie dir nicht, schickst du die Schlüssel zurück und bekommst dein Geld wieder. Nur vorstrecken musst du es.

Das ist die meistbenutzte Masche am deutschen Wohnungsmarkt. Und sie ist deshalb so wirksam, weil sie dir scheinbar ein Rückgaberecht anbietet.

Schlüsselbund wechselt die Hand: Schlüssel per Post gegen Vorkasse ist beim Wohnungsbetrug der Klassiker
Kein echter Vermieter schickt Schlüssel gegen Vorkasse. Keiner.

Wie der Ablauf aussieht

  1. Das Inserat. Gute Wohnung, auffällig günstig, oft möbliert. Fotos sehen nach Katalog aus.
  2. Die erste Antwort. Lang, warmherzig, viel Persönliches. Häufig eine Geschichte über Familie, Arbeit, Glauben oder einen Umzug ins Ausland.
  3. Der Vertrauensbeweis. Du bekommst Dokumente: einen Ausweisscan des angeblichen Vermieters, manchmal einen fertigen Mietvertrag, manchmal ein Foto mit Schlüsselbund.
  4. Der Dienstleister. Ein angeblicher Kurier, ein Treuhandservice, gelegentlich ein bekannter Markenname. Mails kommen von Adressen, die fast echt aussehen.
  5. Die Zahlung. Kaution, erste Miete, Versandgebühr — irgendetwas soll überwiesen werden, bevor der Schlüssel losgeschickt wird.
  6. Danach. Kein Schlüssel. Entweder Funkstille oder eine neue Gebühr, die angeblich noch fehlt.

Schritt sechs ist der bitterste. Viele zahlen ein zweites Mal, weil sie das erste Geld nicht verloren geben wollen. Genau darauf ist die Masche gebaut.

Warum die Geschichte so gut funktioniert

Weil sie deine eigenen Argumente benutzt. Du weißt, dass Vermieter im Ausland existieren. Du weißt, dass es Erbschaften gibt. Du weißt, dass manche Wohnungen aus persönlichen Gründen günstig vergeben werden. Nichts davon ist unmöglich.

Der Fehler steckt nicht in der Geschichte, sondern in der Schlussfolgerung. Aus „ein Vermieter kann im Ausland sein“ folgt nicht „deshalb ist eine Besichtigung unmöglich“. Ein echter Eigentümer, der weit weg wohnt, hat drei normale Wege: eine Hausverwaltung, einen Makler oder einen Nachbarn mit Zweitschlüssel. Alle drei kosten ihn fast nichts. Er wird sie nutzen, weil er sonst seine Wohnung an jemanden vergibt, den nie ein Mensch gesehen hat.

Der Satz, der die Masche beendet

„Schicken Sie mir gern die Adresse, ich schaue mir das Haus von außen an und melde mich dann.“ Ein echter Vermieter findet daran nichts Merkwürdiges. Ein Täter reagiert darauf fast nie normal.

Die Bruchstellen der Geschichte

  • Der Ausweisscan. Er soll Vertrauen schaffen, beweist aber nichts. Scans sind beliebig fälschbar und stammen oft von echten Opfern eines früheren Datendiebstahls.
  • Der Mietvertrag vorab. Ein PDF ist kein Beweis für Eigentum. Mehr dazu in Der gefälschte Mietvertrag.
  • Der Kurierdienst. Kein echter Paketdienst wickelt Mietkautionen ab. Wenn ein Zahlungsdienst zwischengeschaltet sein soll, lies angebliche Treuhandservices bei Wohnungen.
  • Der Kontoinhaber. Der Name auf dem Konto passt nicht zum Namen des Vermieters. Das ist meist ein durchgereichtes Konto einer dritten Person.
  • Die Rückgabeversprechen. „Geld zurück, wenn es dir nicht gefällt“ ist der Kern des Köders. Niemand, der dein Geld nimmt, sichert dir freiwillig die Rückgabe zu.
  • Die Eile. Es gibt immer einen zweiten Interessenten, immer eine Frist, immer einen Grund für heute.

Warum viele ein zweites Mal zahlen

Der Schlüssel kommt nicht. Stattdessen kommt eine Nachricht: Die Sendung hängt beim Zoll fest, eine Versicherung für den Transport fehlt, eine Gebühr wurde falsch berechnet. Nur noch dieser eine Betrag, dann ist alles erledigt.

In diesem Moment denkt fast jeder dasselbe: Wenn ich jetzt nicht nachzahle, ist das erste Geld endgültig weg. Genau darauf zielt der Schritt ab. Er heißt in der Betrugsforschung nicht umsonst Nachfassen — es ist ein eingeplanter Teil der Masche, kein Zufall.

Die Regel dagegen ist hart und einfach: Sobald du merkst, dass etwas nicht stimmt, ist der erste Betrag verloren. Jeder weitere Euro ist nicht Rettung, sondern zusätzlicher Schaden. Steig aus, sichere die Beweise und melde den Fall.

So sieht eine echte Schlüsselübergabe aus

Schlüssel werden übergeben, nicht verschickt. Immer persönlich, immer nach Vertragsunterschrift, fast immer zusammen mit einem Übergabeprotokoll, in dem Zählerstände und der Zustand der Wohnung festgehalten werden. Dabei sind beide Seiten, manchmal ein Hausmeister oder eine Verwaltung.

Handschlag über dem Tisch: So sieht eine echte Übergabe aus, nicht wie Schlüssel per Post beim Wohnungsbetrug
Echte Übergaben finden in der Wohnung statt. Immer.

Das ist kein Formalismus, sondern Eigeninteresse des Vermieters: Er will wissen, wer den Schlüssel hat, und er will festhalten, in welchem Zustand die Wohnung war. Wer darauf verzichtet, verzichtet gegen sich selbst. Das machen echte Vermieter nicht.

Christian hat in über zwanzig Jahren und mehr als tausend Vermietungen keine einzige Schlüsselübergabe per Post erlebt. Auch nicht bei Eigentümern, die im Ausland sitzen. Für die gibt es die Verwaltung — dafür ist sie da.

Wenn du unsicher bist, aber die Wohnung trotzdem willst

  1. Adresse erfragen und das Haus auf einer Karte und in der Straßenansicht anschauen.
  2. Vorbeifahren. Klingelschilder lesen. Steht dort der Name des angeblichen Vermieters oder einer Hausverwaltung?
  3. Bei einer genannten Verwaltung direkt anrufen — über die Nummer von deren eigener Website, nicht über die Nummer aus der Mail.
  4. Einen Videoanruf aus der Wohnung vorschlagen, live, mit Blick aus dem Fenster auf die Straße. Aufgezeichnete Videos zählen nicht.
  5. Wenn nichts davon möglich ist: aussteigen. Wie du Personen und Firmen sauber prüfst, steht in Vermieter oder Makler auf Echtheit prüfen.

Wenn schon Geld unterwegs ist

Dann zählt die Uhrzeit. Ruf sofort deine Bank an und frag nach einem Rückruf der Überweisung. Sichere alle Nachrichten, bevor der Kontakt gelöscht wird. Zahle unter keinen Umständen eine zweite Rate, auch nicht für angebliche Rückabwicklung. Die geordnete Reihenfolge steht in Sofortmaßnahmen nach einer Überweisung.

Kurz zusammengefasst

  • Die Geschichte vom Vermieter im Ausland ist plausibel. Die Schlussfolgerung, dass deshalb keine Besichtigung geht, ist es nicht.
  • Ausweisscan, Mietvertrag und Kurierdienst sind Requisiten, keine Beweise.
  • Echte Schlüssel wechseln persönlich den Besitzer, nach Vertragsunterschrift, mit Protokoll.
  • Das Rückgabeversprechen ist der Köder, nicht die Absicherung.
  • Wer schon gezahlt hat, zahlt auf keinen Fall ein zweites Mal.
Zum Einordnen

Dieser Text erklärt allgemeine Abläufe und Regeln für alle Leser. Er bewertet keinen Einzelfall und ersetzt keine Prüfung durch eine dafür zugelassene Stelle. Stand: 24.09.2026.

Du willst das nicht jedes Mal neu bauen?

Der komplette Kurs plus alle Vorlagen zum Herunterladen.

Wohnung finden: Der Erfolgs-Kurs — 79 € Einmalzahlung. Kein Abo. Sofort verfügbar.

Das passt dazu

Cookie-Einstellungen ändern