Deine Rechte

Mittelbare Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe

Manche Regel klingt völlig neutral und trifft trotzdem immer dieselben Leute. Woran du das erkennst und wann es rechtlich zum Problem wird.

Von Christian Gottschling, Immobilienmakler in Essen · Aktualisiert am 27.09.2026

In keinem Inserat steht mehr, wer nicht gemeint ist. Stattdessen steht dort etwas, gegen das niemand etwas sagen kann: „unbefristeter Arbeitsvertrag erforderlich“, „sehr gute Deutschkenntnisse“, „maximal zwei Personen“.

Jede dieser Regeln ist für sich harmlos. Und jede von ihnen kann in der Praxis dieselbe Gruppe von Menschen zuverlässig aussortieren, ohne dass je ein Wort über Herkunft, Alter oder Familie fällt. Dafür gibt es einen Fachbegriff, und er ist wichtiger, als er klingt.

Wohnungsinserat auf dem Smartphone mit einer neutral klingenden Bedingung als mittelbare Diskriminierung
Die Bedingung im Inserat verrät den Filter, ohne ihn zu nennen.

Der Unterschied in einem Satz

Eine unmittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn jemand wegen eines geschützten Merkmals schlechter behandelt wird. Der Satz „an Deutsche“ ist der Lehrbuchfall.

Eine mittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren Menschen mit einem geschützten Merkmal in besonderer Weise benachteiligen können — es sei denn, das ist durch ein rechtmäßiges Ziel sachlich gerechtfertigt und die Mittel dafür sind angemessen und erforderlich.

Kurz gesagt: Es kommt nicht darauf an, was jemand wollte. Es kommt darauf an, was die Regel bewirkt. Die Absicht spielt bei der mittelbaren Benachteiligung keine Rolle, und genau das macht sie für Betroffene interessant.

Wie so eine Regel im Alltag aussieht

Ein Beispiel aus der Praxis, das jeder Verwalter kennt: „Wir vermieten nur an Bewerber mit unbefristetem Arbeitsvertrag.“ Klingt nach Vorsicht, nicht nach Ausgrenzung. Nur gehören zu den befristet Beschäftigten überproportional junge Menschen, Berufseinsteigerinnen und Menschen, die erst seit kurzem im Land arbeiten.

Weiteres Beispiel: „Die Wohnung ist für maximal zwei Personen geeignet“ bei einer Vierzimmerwohnung. Oder eine Anforderung an Sprachkenntnisse, die für das Mietverhältnis keine erkennbare Rolle spielt. Oder ein Besichtigungstermin, der ausschließlich Dienstagvormittag stattfindet.

Der Punkt ist nicht, dass solche Regeln automatisch verboten wären. Der Punkt ist, dass sie sich rechtfertigen lassen müssen, wenn sie eine geschützte Gruppe in besonderer Weise treffen.

Wann eine neutrale Regel trotzdem in Ordnung ist

Die Rechtfertigung läuft über drei Stufen, und Vermieter, die ihr Handwerk kennen, denken genau in diesen Stufen.

  1. Rechtmäßiges Ziel: Gibt es einen nachvollziehbaren sachlichen Grund? Die Miete soll zuverlässig gezahlt werden — das ist ein solches Ziel.
  2. Angemessenheit: Steht das Mittel im Verhältnis zum Ziel? Ein Einkommensnachweis ja, ein Ausschluss ganzer Beschäftigungsformen eher nicht.
  3. Erforderlichkeit: Gäbe es ein milderes Mittel, das dasselbe leistet? Eine Bonitätsauskunft zeigt Zahlungsfähigkeit oft besser als die Vertragsart.

Deshalb hält die Anforderung „Einkommen muss die Miete tragen“ praktisch immer. Und deshalb ist der pauschale Ausschluss aller befristeten Verträge deutlich angreifbarer, als die meisten Vermieter denken.

Die Fälle, die am häufigsten Streit machen

  • Sprachanforderungen: „Verhandlungssicheres Deutsch“ bei einer Standardwohnung trifft Menschen mit Migrationsgeschichte in besonderer Weise. Ein sachlicher Grund ist selten erkennbar.
  • Pauschaler Ausschluss von Transferleistungen: Trifft bestimmte Gruppen deutlich stärker. Der sachliche Grund — gesicherte Mietzahlung — ließe sich milder erreichen, etwa über eine Mietkostenübernahme durch das Amt.
  • Belegungsregeln nach Personenzahl: Treffen Familien mit mehreren Kindern. Ob eine solche Regel hält, hängt stark an der konkreten Wohnung.
  • Altersgrenzen in Siedlungen: „Junges Wohnen“ oder ein Mindestalter sind ausdrücklich merkmalsbezogen und brauchen eine sehr gute Begründung.
  • Starre Termine und rein digitale Verfahren: Können Menschen mit Behinderung faktisch ausschließen, ohne dass es jemand bemerkt.

Wichtig zur Einordnung: Das Gesetz schützt nur bestimmte Merkmale — ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität. Ein niedriges Einkommen allein ist kein geschütztes Merkmal. Die neutrale Regel wird erst dann zum Thema, wenn sie eines dieser Merkmale trifft.

Suchmaske mit gesetzten Filtern als Sinnbild fuer mittelbare Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe
Ein Filter fragt nie nach Herkunft. Er fragt nach etwas, das damit zusammenfällt.

Was du daraus für deine Bewerbung mitnimmst

Ich sage das bewusst nüchtern: Die meisten dieser Regeln wirst du im laufenden Verfahren nicht kippen. Aber du kannst sie lesen. Und wer sie lesen kann, bewirbt sich anders.

Haende tippen ein Anschreiben, das die Anforderung hinter der Bedingung im Inserat direkt beantwortet
Beantworte das Interesse hinter der Bedingung, nicht die Bedingung selbst.

Wenn im Inserat „unbefristet“ steht, beantwortest du die Frage hinter der Frage, bevor sie gestellt wird: Wie sicher ist dein Einkommen wirklich? Ein Nachweis über die Dauer der Betriebszugehörigkeit, eine Bescheinigung über die geplante Entfristung, ein zweites Einkommen, ein Bürge. Der Filter fragt nach der Vertragsart, gemeint ist die Zahlungssicherheit.

Wenn eine Personenzahl im Inserat steht, nennst du deine Haushaltsgröße offen und früh, statt sie beim Termin zu überraschen. Überraschungen kosten dich die Wohnung, nicht die Zahl.

Genau darum geht es im Kurs: das Sortierraster zu erkennen, nach dem eine Bewerbung vom Stapel fliegt, und die eigene Mappe so aufzubauen, dass sie an keinem dieser Filter hängen bleibt.

Was du tun kannst, wenn dich so eine Regel trifft

Sichere zuerst den Wortlaut. Ein Screenshot des Inserats mit sichtbarem Datum, die Mail mit der Anforderung, das Formular mit dem Feld. Ohne Wortlaut gibt es nichts zu prüfen.

Schreib danach auf, warum die Regel gerade dich in besonderer Weise trifft — mit Bezug auf ein geschütztes Merkmal, nicht nur auf dein Gefühl. Genau diese Verbindung ist der Kern der Sache und der Punkt, an dem Laien den Faden verlieren.

Und dann gib es aus der Hand. Ob eine Regel gerechtfertigt ist, entscheidet sich an Details, die nur mit Blick auf den konkreten Fall zu beurteilen sind. Wie sich Indizien überhaupt aufbauen lassen, steht in Testing-Verfahren und Beweislast. Welche Stelle den ersten Blick daraufwerfen kann, klärt Antidiskriminierungsstellen. Und wie eng die Fristen sind, steht in Zwei Monate Frist.

Kurz zusammengefasst

Mittelbare Diskriminierung bedeutet: Eine neutral formulierte Regel trifft eine geschützte Gruppe in besonderer Weise. Auf die Absicht kommt es dabei nicht an. Zulässig bleibt die Regel nur, wenn sie ein rechtmäßiges Ziel verfolgt und angemessen und erforderlich ist. Für deine Bewerbung heißt das vor allem: Lies die Anforderung als Frage nach dem dahinterliegenden Interesse und beantworte dieses Interesse direkt. Ob das AGG in deinem Fall überhaupt greift, hängt auch an der Größe des Vermieters — mehr dazu in AGG-Ausnahmen und im Überblick unter Recht bei der Wohnungssuche.

Zum Einordnen

Dieser Text erklärt allgemeine Regeln und typische Abläufe am Mietmarkt. Er bewertet keinen Einzelfall und kann das auch nicht. Wenn es bei dir um konkrete Ansprüche geht, wende dich an eine Antidiskriminierungsstelle, einen Mieterverein, eine Verbraucherzentrale oder eine Anwaltskanzlei für Miet- und Zivilrecht.

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