Besondere Situationen

Die Videobesichtigung: wie du sie vorschlägst und durchführst

Eine Videobesichtigung bekommst du nicht, indem du darum bittest. Sondern indem du sie so anbietest, dass sie dem Vermieter Arbeit spart.

Von Christian Gottschling, Immobilienmakler in Essen · Aktualisiert am 27.09.2026

„Wäre eventuell auch eine Besichtigung per Video möglich?“

Auf diese Frage bekommst du in neun von zehn Fällen keine Antwort. Nicht weil Vermieter etwas gegen Videos hätten. Sondern weil die Frage Arbeit erzeugt, ohne etwas zu versprechen. Der Empfänger müsste einen Termin finden, ein Gerät bedienen und die Wohnung erklären – für jemanden, der danach vielleicht absagt.

Die gleiche Bitte funktioniert sofort, wenn du sie umdrehst.

Handy auf dem Stativ filmt einen leeren Raum: So schlägst du eine Videobesichtigung der Wohnung vor
Frag nicht, ob du darfst. Schlag konkret vor, wie es abläuft.

Warum „darf ich“ nicht funktioniert und „ich schlage vor“ schon

Aus der Sortierpraxis: Ich lese eine Anfrage in Sekunden. Eine Frage bedeutet: Ich muss antworten, nachdenken, koordinieren. Ein Vorschlag mit Datum, Uhrzeit und Dauer bedeutet: Ich muss nur Ja oder Nein sagen. Das ist der ganze Unterschied.

Vergleich einmal:

Wäre auch eine Videobesichtigung möglich? Ich wohne leider weiter weg.

Ich bin derzeit in [Stadt] und schlage eine kurze Videobesichtigung vor – Donnerstag 18 bis 19 Uhr oder Freitag ab 9 Uhr, etwa 15 Minuten über WhatsApp-Videoanruf. Meine vollständigen Unterlagen sind angehängt, ich kann danach verbindlich zusagen.

Die zweite Version verlangt eine Entscheidung, keine Planung. Und sie sagt dazu, was der Vermieter davon hat: eine Person, die schon Unterlagen geschickt hat und danach entscheidet.

Der Vorschlag, der angenommen wird

  1. Zwei konkrete Zeitfenster, nicht fünf und nicht „wann es Ihnen passt“. Leg ein Abendfenster und ein Vormittagsfenster.
  2. Eine kurze Dauer nennen. 10 bis 15 Minuten. Das nimmt die Angst vor einer halben Stunde Führung.
  3. Die Technik vorgeben und einfach halten. Videoanruf über das Handy reicht. Nenne zwei Wege zur Auswahl und deine Nummer gleich dazu.
  4. Unterlagen vorher schicken. Das ist der Hebel. Wer die Mappe schon hat, investiert die 15 Minuten lieber.
  5. Verbindlichkeit zusagen. „Ich entscheide direkt im Anschluss.“ Nicht übertreiben, aber sagen.
  6. Alternative nennen. „Falls Ihnen das zu aufwendig ist: Eine bevollmächtigte Person kann auch zum regulären Termin kommen.“ Damit hat der Vermieter immer einen Ausweg, der für dich funktioniert.

Was du während der Videobesichtigung tun musst

Der größte Fehler: zuschauen. Ein Video, das dir jemand zeigt, zeigt dir das, was er zeigen will. Fenster nach vorn, Bad im Gegenlicht, Keller gar nicht. Du musst führen, höflich, aber konsequent.

Bereite eine kurze Liste vor und arbeite sie ab:

  • Einmal langsam durch jeden Raum, Kamera waagerecht, nicht im Schwenk.
  • In jede Ecke, besonders außenwandseitig – dort zeigt sich Feuchtigkeit zuerst.
  • Fenster von innen und einmal aufmachen. Das zeigt Zustand und Lärm gleichzeitig.
  • Bad: Fugen, Silikon, Lüftung – gibt es ein Fenster oder einen Abluftschacht?
  • Heizung: Welche Art, wie alt, wo ist die Therme?
  • Ein Blick aus jedem Fenster nach draußen. Das ersetzt die halbe Lageprüfung.
  • Zähler, Keller, Stellplatz, Müllplatz, Treppenhaus. Das vergisst fast jeder.
  • Handyempfang im Wohnzimmer – merkst du beim Videoanruf ganz nebenbei.

Stell währenddessen die Fragen, die auch vor Ort zählen. Eine Liste steht in die richtigen Fragen bei der Besichtigung, worauf du beim Zustand achten musst in Mängel erkennen und Schimmel erkennen.

Was ein Video nicht kann

Geruch, Hellhörigkeit, Zugluft, Treppenhausklima, die Stimmung der Straße am Abend. Wenn du auf Basis eines Videos unterschreibst, entscheidest du bewusst mit Lücken. Das kann richtig sein – aber du solltest es wissen und nicht nachträglich überrascht sein.

Direkt danach: der Schritt, den fast alle vergessen

Schreib innerhalb einer Stunde eine kurze Mail. Drei Sätze: Dank für die Zeit, klare Aussage zum Interesse, Angebot zum nächsten Schritt. Zum Beispiel: „Die Wohnung passt. Meine Unterlagen liegen Ihnen vor. Ich kann den Vertrag jederzeit unterschreiben und zum [Datum] einziehen.“

Ein Vermieter, der gerade 15 Minuten investiert hat, merkt sich diese Mail. Und sie verhindert, dass du in der Ablage landest, während jemand anders nachfasst. Wie du dabei den Ton triffst, steht in richtig nachfassen.

Vorbereitung: zehn Minuten, die den Termin retten

Eine Videobesichtigung fällt fast immer aus dem gleichen Grund ins Wasser: Technik. Der Vermieter steht in einem leeren Altbau ohne WLAN, der Akku ist bei elf Prozent, und nach drei Minuten bricht die Verbindung ab. Danach hat niemand Lust auf einen zweiten Versuch.

Smartphone in der Hand: Zehn Minuten Vorbereitung retten jede Videobesichtigung einer Wohnung
Liste, Licht, Ladestand. Drei Dinge, die den Termin tragen.

Deshalb gehört in deine Bestätigungsmail ein kurzer, freundlicher Absatz mit drei Punkten: dass mobiles Netz reicht und kein WLAN nötig ist, dass du zur vereinbarten Zeit anrufst und nicht umgekehrt, und dass du eine Ersatznummer hast, falls die Verbindung abbricht. Das klingt nach Kleinkram. Es ist der Unterschied zwischen einem Termin, der stattfindet, und einem, der verschoben und dann vergessen wird.

Auf deiner Seite gilt: gutes Netz, Gerät geladen, Kopfhörer, ruhiger Raum und ein zweites Gerät für deine Liste. Wer während des Anrufs auf demselben Handy nach seinen Fragen sucht, sieht die halbe Wohnung nicht.

Warum du trotzdem einmal vor Ort sein solltest

Eine Videobesichtigung ist ein Werkzeug, um in die engere Auswahl zu kommen – nicht unbedingt, um blind zu unterschreiben. Wenn es irgend geht, versuch vor der Unterschrift einen kurzen Besuch, und sei es nur die Straße und das Treppenhaus. Zwanzig Minuten vor Ort beantworten Fragen, die kein Video beantwortet: Wie riecht der Hausflur, wie laut ist es bei geöffnetem Fenster, wie fühlt sich der Weg zur Haltestelle abends an.

Geht das nicht, dann schick wenigstens jemanden. Und wenn auch das nicht geht, dann entscheide bewusst: Du nimmst ein Restrisiko in Kauf, um überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Das kann völlig richtig sein. Es sollte nur eine Entscheidung sein und kein Versehen. Prüf in dem Fall den Vertrag besonders genau, bevor du unterschreibst – worauf es dabei ankommt, steht in den Mietvertrag prüfen.

Wenn die Antwort Nein lautet

Dann nicht diskutieren. Direkt die Alternative ziehen: eine bevollmächtigte Person zum regulären Termin. Das ist für den Vermieter null Mehraufwand, weil er den Termin ohnehin macht. Wie das organisiert wird, steht in jemanden zur Besichtigung schicken.

Kurz zusammengefasst

Bitte nicht um eine Videobesichtigung, sondern schlag sie vor: zwei Zeitfenster, 15 Minuten, einfache Technik, Unterlagen vorab, verbindliche Entscheidung danach. Führe während des Anrufs mit einer Liste, statt zuzuschauen: Ecken, Fenster, Bad, Heizung, Keller, Ausblick. Schreib innerhalb einer Stunde danach. Und wenn Nein kommt, schick jemanden mit Vollmacht – das kostet den Vermieter nichts.

Zum Einordnen

Dieser Text beschreibt allgemeine Abläufe und typische Regeln am Mietmarkt. Er bewertet keinen Einzelfall. Wenn es bei dir um konkrete Ansprüche geht, lass das von einer Anwältin oder einem Anwalt prüfen.

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