Besondere Situationen

Eine WG gründen statt ein WG-Zimmer zu suchen

Warum eine Gruppe am angespannten Markt oft leichter an eine Wohnung kommt als eine Einzelperson und wie ihr euch als eine Bewerbung aufstellt.

Von Christian Gottschling, Immobilienmakler in Essen · Aktualisiert am 27.09.2026

Drei Leute, drei Suchprofile, drei Absagenstapel. Und alle drei suchen ein Zimmer in einer WG, die es noch gar nicht gibt.

Der Gedanke hält sich hartnäckig: Erst muss man eine bestehende WG finden, um in einer zu wohnen. Es geht auch andersherum. Ihr sucht nicht einzeln ein Zimmer, sondern gemeinsam eine ganze Wohnung. Das klingt nach mehr Aufwand. Von meiner Seite des Schreibtisches aus betrachtet ist eine gute Gruppe aber oft genau das, wonach ich für eine große Altbauwohnung suche.

WG-Küche mit ungleichen Stühlen und Zetteln am Kühlschrank: eine WG gründen statt ein Zimmer zu suchen
Die WG, in die du einziehen willst, muss noch gar nicht existieren.

Warum die Gruppe im Vorteil ist

Am Markt sind nicht alle Wohnungen gleich umkämpft. Zwei Zimmer mit 55 Quadratmetern in zentraler Lage bekommen dreistellige Bewerberzahlen. Fünf Zimmer mit 130 Quadratmetern im dritten Stock ohne Aufzug bekommen das nicht. Solche Wohnungen sind für Familien oft zu teuer, für Paare zu groß und für Einzelpersonen unbezahlbar.

Genau dort steht eine Gruppe plötzlich gut da. Drei oder vier Einkommen tragen eine Miete, an der eine Familie scheitert. Und der Vermieter ist froh, eine Wohnung loszuwerden, die seit Wochen auf dem Portal steht.

Der zweite Vorteil: Ihr sucht in einem Segment, in dem ihr nicht gegen hundert andere steht. Du wechselst nicht die Stadt, sondern die Größenklasse. Das ist der schnellste Hebel, den du hast.

Wen du dazu holst und wen besser nicht

Die Gruppe entscheidet über die Bewerbung. Nicht die Sympathie entscheidet, sondern die Unterlagen. Eine Person ohne Nachweise zieht die ganze Bewerbung nach unten, weil ich als Sortierender immer die schwächste Stelle ansehe.

  • Jede Person kann Einkommen belegen, egal aus welcher Quelle.
  • Jede Person besorgt ihre Bonitätsauskunft selbst, ohne dass du dreimal erinnern musst.
  • Jede Person ist an dem Termin erreichbar, an dem die Besichtigung stattfindet.
  • Jede Person will mindestens so lange bleiben wie die anderen.

Der letzte Punkt wird unterschätzt. Wer in einem halben Jahr wieder ausziehen will, kostet die Gruppe später Nerven und den Vermieter Papierkram. Sprecht das vorher aus, nicht danach.

Wie sich zwei oder mehr Einkommen auf die Prüfung auswirken, steht in Bonität zu zweit bei Paaren und in der WG.

Die Gruppe, bevor ihr die erste Wohnung anschreibt

Der häufigste Fehler: Ihr findet eine Wohnung, schreibt hektisch, und dann fehlen zwei Gehaltsabrechnungen, weil eine Person im Urlaub ist. Die Wohnung ist weg, bevor eure Mappe fertig ist.

  1. Einigt euch auf eine Person, die alles sammelt und verschickt. Nur diese Person schreibt Vermieter an.
  2. Legt einen gemeinsamen Ordner an, in dem jede Person ihre Unterlagen ablegt.
  3. Setzt eine Frist. Wer bis dahin nichts hochgeladen hat, ist in der ersten Runde nicht dabei.
  4. Legt fest, bis zu welcher Warmmiete ihr zusagen könnt, ohne noch einmal zu beraten.
  5. Legt fest, ab wann ihr einzugsbereit seid. Ein konkretes Datum schlägt „flexibel“.

Wenn diese fünf Punkte stehen, könnt ihr innerhalb von zwanzig Minuten auf ein neues Inserat reagieren. Das ist der eigentliche Vorteil gegenüber allen, die erst anfangen zu organisieren.

Wie ihr euch als eine Bewerbung präsentiert

Drei einzelne Mails von drei Absendern sind drei Probleme. Ein PDF mit allem drin ist eine Bewerbung. Der Unterschied ist für den Empfänger riesig.

Aufbau, der funktioniert: Ein Anschreiben von einer halben Seite, in dem ihr als Gruppe auftretet. Danach für jede Person derselbe Block in derselben Reihenfolge — kurzes Profil, Einkommensnachweise, Bonitätsauskunft, Ausweis mit geschwärzten Feldern. Gleiche Reihenfolge bei allen. Das klingt nach Kleinigkeit, spart mir aber beim Durchblättern jede Sekunde, und Sekunden entscheiden.

Im Anschreiben beantwortest du die drei Fragen, die ich mir bei einer Gruppe sofort stelle: Kennt ihr euch schon oder seid ihr über ein Portal zusammengewürfelt? Wer unterschreibt? Wie lange wollt ihr bleiben? Wer diese drei Punkte von selbst beantwortet, spart mir eine Rückfrage und landet auf dem kleineren Stapel.

Gestapelte Bewerbungsunterlagen mehrerer Personen für eine gemeinsame WG-Bewerbung auf eine Wohnung
Drei Mappen in derselben Reihenfolge lesen sich wie eine. Drei Mails nicht.

Was der Vermieter bei einer Gruppe wirklich prüft

Ich prüfe drei Dinge, und keines davon ist, ob ihr sympathisch seid.

Was ich ansehe Was ich wissen will
Summe der Einkommen Trägt die Gruppe die Miete auch, wenn eine Person ausfällt?
Vertragsmodell Wer haftet mir gegenüber, wenn eine Miete ausbleibt?
Stabilität Wie oft werde ich in den nächsten Jahren einen Wechsel bearbeiten müssen?

Punkt drei ist der Grund, warum manche Verwaltungen WGs ablehnen. Nicht aus Vorurteil, sondern weil jeder Wechsel Arbeit ist: Zustimmung, Nachtrag, Kautionsabrechnung. Wenn ihr in der Bewerbung schreibt, dass ihr das Zusammenleben langfristig plant, nehmt ihr genau dieses Argument vorweg.

Schreibtisch in der Hausverwaltung mit ausgebreiteten Unterlagen einer WG-Bewerbung für eine große Wohnung
Geprüft wird die schwächste Stelle der Gruppe, nicht die stärkste.

Die vier Dinge, die ihr vorher untereinander klärt

Das Wichtigste passiert nicht zwischen euch und dem Vermieter, sondern zwischen euch. Klärt vor der Unterschrift:

  • Wer zahlt welchen Anteil der Miete, und wird nach Quadratmetern oder gleichmäßig geteilt?
  • Wer überweist an den Vermieter, und bis wann muss das Geld auf diesem Konto sein?
  • Wer legt wie viel Kaution ein, und wie kommt sie beim Auszug zurück?
  • Was passiert, wenn eine Person ausziehen will?

Schreibt das auf eine Seite und unterschreibt sie. Wie so ein Blatt aussieht, steht in Die WG-Vereinbarung unter Mitbewohnern. Welche Vertragsmodelle es gegenüber dem Vermieter gibt, steht in WG-Mietvertrag: Hauptmieter oder alle gleichberechtigt?.

Womit ihr euch die Wohnung verbaut

Drei Muster sehe ich immer wieder.

Der Wackelkandidat. Eine Person sagt, sie sei sich noch nicht sicher. Das steht dann auch so in der Mail. Für mich ist das eine Gruppe, die in vier Wochen wieder anders aussieht. Klärt das intern, bevor ihr schreibt.

Die Sammelmail. Alle drei schreiben denselben Vermieter einzeln an. Das wirkt unorganisiert und kostet mich Zeit beim Zuordnen.

Der Vorwurf. „Wir werden als WG ja doch nur aussortiert.“ Diesen Satz habe ich oft gelesen. Er erzeugt nie Mitgefühl, sondern nur den Eindruck, dass es später schwierig wird.

Wenn du beim Formulieren nicht bei null anfangen willst: Im Kurs steht Schritt für Schritt, wie eine Mappe aufgebaut ist, die oben auf dem Stapel landet — auch die Variante für mehrere Personen.

Kurz zusammengefasst

Statt gegen hundert Leute um ein Zimmer zu kämpfen, kannst du mit zwei oder drei anderen in eine Größenklasse ausweichen, in der weniger Bewerber unterwegs sind. Entscheidend ist, dass ihr vor der ersten Wohnung organisiert seid: eine Person sammelt und schreibt, alle Unterlagen liegen vollständig vor, Mietobergrenze und Einzugsdatum stehen fest. Tritt als eine Bewerbung auf, nicht als drei. Und klärt Geld, Kaution und Auszugsregeln untereinander schriftlich, bevor jemand unterschreibt. Der Schritt für heute: Ruf die zwei Leute an, mit denen das denkbar wäre, und macht einen gemeinsamen Ordner auf.

Zum Einordnen

Dieser Text beschreibt allgemeine Abläufe und typische Regeln am Mietmarkt. Er bewertet keinen Einzelfall. Wenn es bei dir um konkrete Ansprüche geht, lass das von einer Anwältin oder einem Anwalt prüfen.

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